Schwarzwälder Bote (27.11.2000)

 

Trainer Manfred Maute strahlt nach dem großen Triumph von Böblingen: »Meine Jungs sind einfach phänomenal«

 

Nach dem WM‑Titel freut sich Rominger mit glänzenden Augen

Matthias Letsch komplettiert als Zweiter den Triumph

 

Von Matthias Schmid

 

Rein biologisch muss seine Kür so abgelaufen sein: Zunächst veränderte sich der Blutdruck, ganz langsam, dann immer schneller, er stieg und stieg in bedrohliche Höhen. Gleichzeitig steigerte sich die Atemfrequenz, der Puls trommelte wild und erst als der Sieger nach sechs Minuten vor die Presse trat, glichen sich dessen Werte wieder denen eines Menschen in Ruhestand an.

Doch in diesem Moment war Martin Rominger (RSV Tailfingen) seine Gesundheit völlig gleichgültig. Er war soeben in der Böblinger Sporthalle Weltmeister im Einer‑Kunstradfahren der Männer geworden, bereits zum vierten Mal in Serie. Und es war wie immer, wenn er siegt - seine Konkurrenz fuhr nur um den zweiten Platz. Diesmal reichten dem 23 Jahre alten Sportstudenten der Uni Tübingen 347,70 Punkte für den Weltmeistertitel. Zum Vergleich: Sein Teamkollege Matthias Letsch wurde bei seiner ersten WM mit 325,18 Punkten Zweiter vor Milan Krivanek (322,40) aus der Tschechischen Republik.

»Martin fährt einfach nicht wie von dieser Welt«, preist Letsch seinen Freund. Er selbst war natürlich ob der Silbermedaille »überglücklich«. Nach 53 Sekunden seiner sechsminütigen Kür hatte es danach auch noch nicht ausgesehen. Der 27‑Jährige, der in dieser Saison zum ersten konstant seine Trainingsleistungen im Wettkampf umgesetzt hatte, stürzte beim Versuch, vom Sattel in den Lenker zu springen. »Im ersten Moment dachte ich Sch ... «, gab Letsch beim verpatzten »Maute‑Hüpfer« freimütig zu. Doch im Gegensatz zu vergangenen Jahren verfiel er diesmal nicht in Selbstmitleid und ließ sich hängen. Im Gegenteil: Er blieb locker und spulte mit stoischer Ruhe sein Programm vollends ab ‑ ein Zeichen seiner vollzogenen Wandlung hin zum Weltklasseathleten.

Mit diesem Attribut darf sich Martin Rominger bereits seit vier Jahren schmücken. Damit aber nicht genug: Seit seinem ersten Weltmeisterschaftstitel im Schweizerischen Winterhur ist er unbesiegt. Und der Nimbus der Unbesiegbarkeit wird auch in absehbarer Zeit nichtbröckeln. Zu dominant tritt Rominger einfach auf. Selbst Befürchtungen seinerseits, dass die Kollegen immer näher an seine eingereichte Punktzahl herarnkommen, stellten sich in Böblingen nicht ein. Sein Vorsprung am Ende auf seinen Mannschaftskameraden Letsch betrug 22,52 Punkte ‑ Lichtjahre im Kunstradfahren.

Dennoch: Auch der beste Kunstradfahrer der Welt verspürte vor seiner Kür eine gewisse Anspannung. Aber nicht etwa, weil er Angst vor einer Niederlage hatte (Rominger: »Der ewige Rekord von sechs WM‑Titeln ist nicht mein Ziel«), sondern weil er seiner großen Fangemeinde aus Bitz zeigen wollte was man »alles mit dem Fahrrad anstellen kann«, wie er es formulierte.

Denn bisher gingen die Weltmeisterschaften, an denen er teilnahm, immer im Ausland über die Bühne. Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Diesmal nicht: Gestern fanden über 4000 Zuschauer den Weg in die Böblinger Sporthalle. Und deshalb freute sich Rominger wie ein kleines Kind vor dem Weibnachtsbaum, als er am Ende seines Programms seiner Familie und seinen Freunden zuwinken durfte. »Die prickelnde Atmosphäre in der Halle war ein einmaliges Erlebnis", sagte der Ausnahmesportler mit glänzenden Augen.

»Der beste Trainer der Welt«, so beschreibt Rominger seinen Vereinstrainer Manfred Maute, sah die letzten Minuten des Triumphfzuges seines Schützlings

derweil aus einem für ihn ungewöhnlichen Blickwinkel. Anstatt im legeren Dress eines Sportlehrers, kniete er im feinen Nadelstreifenanzug und einem Fotoapparat in der Hand neben einem Journalisten in unmittelbarer Nähe des Parketts. Er lächelte und seine Augen schauten dabei ins Leere. Als er dann etwas sagen sollte, stockte er zunächst, bevor dann doch seine Sprache wieder erlangte: »Meine Jungs sind einfach phänomenal.«

Wie von Bundestrainer Kurt-Jürgen Daum prophezeit, blieb zuvor auch das Zweier‑Kunstfahren der Männer eine deutsche Angelegenheit. Die deutschen Meister Stefan Raaf und Michael Roth (Kirchdorf) holten ihren insgesamt sechsten WM‑Sieg vor den Titelverteidigern Michael und Heiko Rauch aus Langenprozelten. Zuvor hatte Astrid Ruckaberle (Weil am Schönbuch) nach zweimal Bronze in den vergangenen beiden Jahren die Goldmedaille im Einer‑Fahren gewonnen. Die 21‑Jährige siegte mit dem Weltrekord von 332,57 Punkten vor der tschechischen Titelverteidigerin Martina Stepankova und Ex-Weltmeisterin Sandra Schlosser (Gärtringen), die im Vorjahr Silber gewonnen hatte.