Radsport
(28.11.2000)
Keiner konnte ihm in
Böblingen das Wasser reichen: Super‑Star Martin Rominger (Tailfingen)
konnte sich zum vierten Mal das Regenbogentrikot überstreifen
Vierter WM‑Titel für Rominger
Matthias Letsch und Milan Krivanek auf den Plätzen
Sonntag Nachmittag kurz vor
17.00 Uhr Sporthalle Böblingen. 4000 begeisterte Zuschauer außer Rand und Band.
Die Stunde des Siegers. Und der hieß wie zu erwarten Martin Rominger. Doch der
Tailfinger gewann nicht einfach nur den Titel im Einer der Männer. Er wurde
auch nicht einfach nur zum vierten mal Weltmeister. Er fuhr mit einem
fulminanten Auftritt die Konkurrenz förmlich in Grund und Boden
Doch dabei war es nicht
(nur) die Art und Weise, wie Rominger seine mit 350,80 Punkten schwierigste Kür
im Feld darbot. Es war vor allem die Stimmung in der Halle, die förmlich
greifbare Atmosphäre auf den vollbesetzten Rängen, die den Auftritt des 23‑Jährigen
zu einem wahren Gänsehauterlebnis werden ließen.
Eine Nadel hatte man in der
bei den Radballspielen von ohrenbetäubenden Beifall erbebenden Sporthalle
fallen hören. Das i-Tüpfelchen jedoch setzte diesem Highlight Romiger selbst
auf, der einmal mehr seine schier unglaubliche Kür sicher auf die Fläche
brachte.
Zwar benötigte der
Tailfinger zu Beginn seiner Kür gar mehr als nur die 11 mal 14m in der
Wettkampffläche, zwei mal überfuhr er gleich bei den beiden ersten beiden
Übungen die Fahrflächenmarkierung. Als es jedoch zum Paradestück, dem
Mautesprung kam, ließ Rominger seine ganze Klasse aufblitzen. Sicher stand er
unter tosendem Applaus dieses Glanzstück und hängte in gewohnter Manier die
Lenkerstanddrehung gleich hintetenan.
Was dann folgte, war
schlicht sensationell. Fast drei Minuten lang mussten die Kampfrichter sich
gedulden, bis sie die nächste marginale Abwertung vornehmen konnten. Und auch
in der Schlussphase seiner Kur gab Rominger den Titel nicht mehr aus der Hand.
347,70 Punkte ‑ mehr noch als sein schärfster Konkurrent eingereicht
hatte, blieben am Ende fur den Titelverteidiger stehen, der damit ein weiteres
Mal verdient das Regenbogentrikot überstreifen konnte Lohn für eine lange
Vorbereitungszeit, in der der Tailfinger des öfteren mit Motivationsproblemen
zu kämpfen hatte.
„In der Vergangenheit war
es schon manchmal schwierig den nötigen Einst aufzubringen. Vor allem, wenn man
immer die selben Übunggen trainiert.“ Doch ans Aufhören denkt der Superstar
dennoch nicht. „Das nachste Jahr wird für mich sehr schwer, denn es kommen
jetzt ja doch endlich neue Abgänge ins Reglement, wenngleich nicht der Saltoabgang,
den ich jahrelang trainiert habe." Was kommen wird ist der
Handstandüberschlag. Und den hat Ronunger bislang noch nie trainiert. „Außerdem
neigt sich mein Studium langsam dem Ende zu. Ich mache nächstes Jahr mein
Diplom, das wird schon ganz schön anstrengend."
Erklärtes Ziel des zweiten
Tailfingers im Starterfeld dieser Titelkämpfe, Matthias Letsch war Rang zwei.
Die Silbermedaille sollte Krönung einer Achterbahnkarriere sein. Bereits 1991
haft der 26‑jährige sich an die internationale Spitze herangeschnuppert
als er als Vizeeuropameister der Junioren von sich reden machte. Dann jedoch
kam der Karriereknick nach unten, der ihn, wem gleich nicht gänzlich im
Mittelfeld doch auch nicht mehr an die Spitze brachte. Doch Letsch blieb zäh,
besann sich am Ende doch auf sein Talent und kehrte dorthin zurück, wohin er
gehört: Nach oben.
1996 bereits Dritter der
Deutschen Meisterschaften sicherte er sich diese Platzierung auch 1998. Den
endgültigen Durchbruch jedoch schaffte der Tailfinger pünktlich zur Heim ‑WM.
Am Ende souveran hatte er sich in der Qualifikation durchgesetzt und wollte
diese Chance natür lich nicht aus der Hand geben. Einzige Hürde: Die 322,40
Punkte, die der Tscheche Milan Krivanek vorgelegt hatte. Eigentlich machbar.
Aber nur eine Minute lang hielt die Zuversicht auf den Rängen an. Dann nämlich
missglückte dem Tailfinger der Maute-Sprung. Hohe Abzüge waren die Folge. Und
so war sein Vorsprung bereits nach zweieinhalb Minuten auf nur noch zehn Punkte
zusammengeschmolzen. Doch dann kam die starke Phase Letschs. Kämpferisch ging
er sein Restprogramm an, mit dem sichtbaren Willen, sich hier nicht unter Wert
geschlagen zu geben‑ 325,18 Punkte rettete er am Ende in die Zeit und
krönte damit seine bisherige sportliche Laufbahn.
Publikumsliebling Jose Ardlano
aus Spanien war als heißer Bronzeanwärter ins Rennen gegangen. Der 27‑jährige,
der im hohenlohischen Öhringen lebt und trainiert konnte im Verlauf der
Herbst-Saison bislang schon einige vielversprechende Ansätze zeigen und so war
man auf den Auftritt des letztjährigen
Vizeweltmeisters natürlich besonders gespannt. Würde er sein Bravourstück von
Madeira wiederholen können?
Den Sprung landete Arellano
zwar noch auf dem Lenker. Doch zu ungenau, um dort stehenzubleiben. Ein Patzer,
der Auftakt einer größeren Fehlerserie sein sollte.
Wenngleich er am Ende mit
308,95 Zählern abgeschlagen auf Rang fünf landete. Die Sympathien des Publikums
gehörten einmal mehr dem Spanier.
Die Bronzemedaille blieb
damit am Ende überraschend für den Tschechen Krivanek, der sich gegenüber
seinem Mannschaftskollegen Arnost Pokorny durchgesetzt hatte.