Frankfurter Allgemeine
Zeitung (27.11.2000)
Martin Romingers Solofahrt Unerreicht und vorerst auch am
Ende
BÖBLINGEN. Mancher spricht ‑von
ihm, als wäre er ein rollendes Denkmal. So entrückt ist Martin Rominger längst
der Konkurrenz, so einzigartig im Kunstradsport. Er sitze auf dem Rad wie
gemeißelt, sagt Harry Bodmer, einst selbst eine Größe in diesem Sport und
viermal Weltmeister. Soweit ist Rominger, 23 Jahre‑alt, nun auch:
Rominger zum vierten ‑ Böblingen erlebte am Wochenende die Fortsetzung
eines bemerkenswerten Solos. Seit 1997 dominiert der Tailfinger bei
Weltmeisterschaften, und mitunter scheint es, als starteten seine Gegner außer
Konkurrenz. Rominger beeindruckte abermals durch Nervenstärke und
Stilsicherheit, durch seine Fähigkeit, Kunst und Athletik auf dem Rad geschickt
zu kombinieren. Der Schwabe fuhr wieder einmal nur gegen sich selbst.
Kurt‑Jürgen Daum, der
Bundestrainer aus Böhl‑Iggelheim, sieht in Rominger einen Mann, der
"auch in jeder anderen Sportart'' zurechtkommen würde. "Er lebt das
sportliche Leben." Nie aber käme der Sportstudent, geboren in Albstadt‑Ebingen,
auf die Idee, mit dem Rad etwa Rennen zu fahren. Nicht im Tempo liegt der Reiz,
sondern in der künstlerischen, der akrobatischen Darstellung. Spektakuläre
Übungen wie der Maute‑Sprung, der Hüpfer vom Sattel auf den Lenker, sind
Romingers Spezialität. "Die machen mir am meisten Spaß." Und sie
fordern den Athleten, obwohl der gesamte Vortrag nicht mehr als sechs Minuten
dauert, stärker, als mancher Betrachter glauben mag. "Man kann kaum, mehr
laufen", sagt Rominger, "wenn man vom Rad absteigt." Manchmal
schmerzt wegen der körperlichen Belastung auch der Rücken. Der Kunstradstar
erzählt von "kleinen Wirbelblockaden" und davon, daß er sie selbst
wieder zu lösen vermag.
Rominger ist unerreicht,
und er ist am Ende. Das weiß auch Bundestrainer Daum. "Er ist am Ende der
Fahnenstange angekommen." Das hat mit dem Programm zu tun, das der
Tailfinger nahezu perfekt beherrscht. Der Kunstradsport hat ihm vorläu fig nur
noch Titel zu bieten, jedoch keine neuen sportlichen Elemente mehr. Rominger
sagt deswegen, daß der sich eingeengt fühle. Gerne würde er Neues präsentieren,
etwa einen Salto als Schlußakt, den er bereits seit zwei Jahren probt. Doch das
Reglement läßt einen solchen Abgang nicht zu. Der Internationale
Radsportverband (UCI) widersetzt sich der Einführung des Saltos, weil er ihn
offensichtlich für zu gefährlich hält. Das kann Rominger nicht verstehen, und
auch Bodmer, inzwischen Vizepräsident beim Bund Deutscher Radfahrer, will den Einwand
der UCI nicht akzeptieren. "Man setzt sich", kritisiert er, "mit
der Materie nicht richtig auseinander." Immerhin kann Rominger, der für
ein Bankhaus wirbt und für Mineralwasser, jetzt doch auf eine Innovation im
Kunstradsport hoffen. Es heißt, der Handstandüberschlag werde vom kommenden
Jahr an erlaubt sein. Das wäre endlich wieder ein Ziel für den Weltmeister,
"ein Motivationsschub", wie Rominger sagt. Und vermutlich würde sich,
dann auch die Distanz zu seinen Gegnern noch ein Stück vergrößern.