Der Sport 24/2000
Vier
Goldene "R" auf dem Kunstrad
Rominger, Ruckaberle, Raaf und
Roth holen Gold
Der Hallenradsport erlebte in den Tagen von Böblingen eine Weltmeisterschaft der Superlative. Nie zuvor gab es ein derart stimmungsvolles Spektakel zum Saisonhöhepunkt. Ein mediales Großereignis, das vor allem durch die unvorstellbare Stimmung in der Halle selbst alten TV‑Hasen noch Gänsehauterlebnisse bescherte. "In 37 Jahren Radsport habe ich noch nie und noch nirgends ein so tolles Publikum erlebt." Auch Moderator und Hallensprecher Herbert Watterott zögerte am Ende keinen Augenblick mit dieser offensichtlich ernstgemeinten Auszeichnung.
„Ich
habe ganz bewusst die Stunden nicht gezählt", so OK‑Chef Kimmerle
auf die Frage nach dem Aufwand, den er und seine Mitstreiter des SV Gärtringen
in der Vorbereitung dieses Großereignisses betrieben hatten. Was am Ende zählt,
ist, dass es sich gelohnt hat, dass die rund 4000 Zuschauer in der Tat die
Heimreise aus Böblingen antraten mit der einhelligen Meinung: "Diese Titelkämpfe
waren einfach toll." Und in der Tat. Was in Böblingen auf die Beine
gestellt wurde, verdient zurecht das Prädikat der "besten
Weltmeisterschaften aller Zeiten." Kleine Schönheitsfehler und eher
auflockernde als seriöse Vorfälle am Rande gehören letztlich immer dazu. Von
Pannenblieben diese Titelkämpfe zur Gänze verschont.
Was dem Spektakel jedoch die Krone aufsetzte, war
das, was auf der 11 x1 4m großen Wettkampff läche geboten wurde. Mit
Superlativen wurde auch hier nicht gegeizt. Da war beispielsweise ein Martin
Rominger, der sich ‑ so war im Vorfeld allerorten zu hören ‑hier
nur selbst schlagen konnte. Eine derart herausragende Favoritenrolle gab es
wohl selten zuvor. Und was der Tailfinger dann in der Tat bot, war
Kunstradsport par excellence. Das mit Spannung erwartete Highlight in der Kür
des 23‑Jährigen, der Maute‑Sprung, war Auftakt zu einem wahren
Feuerwerk an Höchstleistungen. Punktgenau "hüpfte" der 1,77 m große
Ausnahmeathlet vom Sattel auf den Lenker und blieb dort, im Gegensatz zu seinen
beiden Vorgängern auf der WM‑ Fläche, sicher stehen. Dafür gab es
donnernden Applaus der Schlachtenbummler, die Zeugen einer perfekten
Kunstradkür wurden. Nicht der Hauch eines Fehlers, einer Unsicherheit, nicht
das leiseste Zittern war bei Rominger auszumachen. 347,70 Punkte ‑ mehr
noch als sein schärfster Konkurrent eingereicht hatte ‑ blieben am Ende
für den Titelverteidiger stehen, der damit zum vierten Mal verdient das
Regenbogentrikot überstreifen konnte.
Lohn für eine lange
Vorbereitungszeit, in der der Tailfinger des öfteren mit Motivationsproblemen
zu kämpfen hatte. "in der Vergangenheit war es schon manchmal schwierig,
den nötigen Ernst aufzubringen. Vor allem, wenn man immer die selben Übungen
trainiert. Doch ans Aufhören denkt der Superstar nicht. "Das nächste Jahr
wird für mich sehr schwer. Denn es kommen jetzt ja doch endlich neue Abgänge
ins Reglement, wenngleich nicht der Saltoabgang, den ich jahrelang trainiert
habe." Was kommen wird ist der Handstandüberschlag. Und den hat Rominger
bislang noch nie trainiert. "Außerdem neigt ich mein Studium langsam dem
Ende zu. Ich mache nächstes Jahr mein Diplom, das wird schon ganz schön
anstrengend."
Erklärtes Ziel des zweiten
Tailfingers im Starterfeld dieser Disziplin, Matthias Letsch, war Rang zwei.
Die Silbermedaillle sollte Krönung einer Achterbahnkarriere sein. Bereits 1991
hatte der 26-jährige an die internationale Spitze herangeschnuppert, als er als
Vizeeuropameister der Junioren von sich reden machte. Dann jedoch kam der
Karriereknick. Doch Letsch blieb zäh. Besann sich am Ende doch auf sein Talent
und kehrte dorthin zurück, wo er hingehört Nach oben. 1996 bereits Dritter de
Deutschen Meisterschaften sicherte e sich diese Platzierung auch 1998. Den
endgültigen Durchbruch jedoch schaffte der Tailfinger pünktlich zur Heim‑WM
Am Ende souverän hatte er sich in de Qualifikation durchgesetzt und wollte
diese Chance natürlich nicht aus de Hand geben. Einzige Hürde: Die 322,40
Punkte, die der Tscheche Milan Krivanek vorgelegt hatte. Eigentlich machbar
Aber nur eine Minute lang hielt die Zu versicht auf den Rängen an. Dann näm
lich missglückte dem Tailfinger de Maute‑Sprung. Hohe Abzüge waren die
Folge. Doch dann kam die starke Phase Letschs. Kämpferisch ging er sein Rest
programm an, mit dem sichtbaren Willen, sich hier nicht unter Wert geschlagen
zu geben. 325,18 Punkte rettete er am Ende in die Zeit und krönte damit seine
bisherige sportliche Laufbahn.