Radsport (23.10.2001)
"Es
lief einfach optimal" ‑ Steffen Hain im Finale vor Kolbert
Moers, Samstagabend, 19.44 Uhr.
Strahlend übers ganze Gesicht steht ein Mann im Zentrum der Sporthalle Rheinkamp und reckt triumphierend die Faust zur
Decke. Tosender Beifall auf den vollbesetzten Rängen zeigt, dieser Mann
hat gerade etwas außergewöhnliches vollbracht. Er ist gerade Deutscher Meister
im Einer‑Kunstfahren der Männer geworden.
Doch was ist daran außergewöhnlich,
mag man sich nun fragen, heißt dieser Mann doch Martin Rominger, ist
viermaliger Weltmeister und der Ausnahme‑Kunstradfahrer schlechthin.
Keinen Penny wäre selbst dem risikofreudigsten Buchmacher in London der Tip auf
einen Rominger‑Sieg wert gewesen, zu dominant zeigt sich der 24‑Jährige
nun schon seit Jahren. Was also ist so außergewohnlich daran, dass Martin
Rominger in Moers wieder einmal die gesamte Konkurrenz in Grund und Boden fuhr?
Ein erster Versuch der Klärung konnte
in die Welt der nackten Zahlen führen. Zum zehnten Mal nun schon kehrt Rominger
mit dein Titel von den Deutschen Meisterschaften heim auf die Schwäbische Alb:
Zwei Mal in der Schülerklasse, drei Mal bei den Junioren und nun zum fünften
Mal in der Eliteklasse, ist er der Beste seiner Zunft.
Eindrucksvoll,
zugegeben, aber das wirklich Außergewöhnliche an Romingers Leistung erschließt
auch diese Statistik nicht. Betrachtet man, um bei den Zahlen zu bleiben,
jedoch die Ergebnisse, die Rominger in Serie vorlegt, kommt man der Sache schon
näher. Keine einzige der sieben Wertungen zur WM-Qualifikation beendete der
Weltmeister beispielsweise unter 340 Punkten, eine Tatsache, die um so stärker
wirkt, wenn man daneben sieht, dass keiner der Konkurrenten Romingers auch nur
ein einziges Resultat über der 340er Marke vorweisen kann. Und vier Mal blieb
Rominger ‑ wie auch im Finale in Moers ‑ mit seinem Ergebnis gar
überhalb dessen, was die Nummer zwei, Matthias Letsch, überhaupt als Schwierigkeit
eingereicht hat.
Doch
selbst diese Statistik kann Romingers Geheimnis nur zum Teil
erschließen. Das Außergewöhnliche ist die Art und Weise, mit der Rominger seine
Siege zelebriert. Wenn "Mister Kunstrad" die Fläche betritt, kann er
sich ‑ wo immer er auftritt ‑ der ungeteilten Aufmerksamkeit gewiss
sein. Die Präzision, mit der jeder Bewegungsablauftausendfäch einstudiert ‑
sitzt, die absolute Körperbeherrschung, Kraft, Ausdrucksstärke, all das
summiert sich zu einem Gesamtkunstwerk, dessen Faszination sich kaum jemand
entziehen kann. Und so war in Moers einmal mehr die Spannung greifbar, als
Rominger sich im Finale am Samstagabend die Ehre gab.
Im Vorkampf hatte der Tailfinger
völlig überraschend Schwäche gezeigt, musste den Lenkerhandstand vorzeitig
abbrechen und mit 342,69 (!) eines seiner wirklich schlechten Saisonergebnisse
verbuchen. Doch am Abend ‑ so schien es, wollte der Superstar sein
Publikum für diesen Ausrutscher voll entschädigen Fast fehlerfrei agierte er,
zeigte sein ganzes Können und wurde mit 147,30 Zählern klar und völlig verdient
erneut Deutscher Meister.
"Ich bin absolut zufrieden,
besser hätte es heute eigentlich nicht laufen können. Ich bin zwar schon höhere
Ergebnisse ausgefahren, aber ich denke es lief heute für mich optimal",
kommentierte der Weltmeister, der nach einer verschleppten Verletzung zuletzt
mit etwas Trainingsrückstand zu kämpfen hatte. "Konditionell bin ich noch
nicht ganz \Nieder fit, aber von den Übungen her klappte es schon wieder richtig
gut" zeigte sich Rominger auch im Hinblick auf Japan sehr zuversichtlich.
WM
in Kaseda City, so heißt das Haupt‑Saisonziel auch für Romingers
Vereinskollegen, Matthias Letsch, Der Vizeweltmeister hatte sich in diesem Jahr
die Qualifikation bereits vorzeitig gesichert und konnte dementsprechend in
Moers unbelastet an den Start gehen, "Was z zählt ist die WM, selbst wenn
ich hier .85 Punkte ausfahre wäre das nicht so schlimm'', so Letsch am
Samstagmorgen. 285 punkte sollten es nicht werden, doch mit 332,52 Zählern
blieb Letsch am Nachmittag dann dennoch unter seinen Möglichkeiten und
verpasste den Einzug ins Finale. "Das war heute einfach nicht mein Tag,
aber ich habe ja noch einen wichtigeren Wettkampf vor mir".
Den Finaleinzug machten dagegen
der Newcomer Michael Kolbert (Rai‑Breitenbach) und Steffen Hain
(Erlenbach/Main) perfekt. Im Kampf um die Medaillen musste Kolbert zunächst
vorlegen. Als nach dem Siegesjubel des vorangegangen Radpolo‑Finales
endlich genügend Ruhe in der Halle eingekehrt war, begann der 19‑Jährige,
der bei seinem ersten DM‑Auftritt in der Eliteklasse keine Spur von
Nervosität zeigte seinen Vortrag.
Doch nur wenig später wurde
deutlich, dass die Belastung, im Kampfum DM‑Medaillen auch an dem
Nachwuchstalent nicht spurlos vorübging. Bereits nach 35 Sekunden seiner Kür
musste Kolbert erstmals vom Rad und agierte auch in der Folge ungewohnt fahrig.
Nach drei Minuten waren aufder Anzeigetafel von den ursprünglich 340,40 Punkten
nur noch 318 angezeigt, ein Debakel zeichnete sich ab, doch Kolbert fing sich
wieder, absolvierte die zweite Kürhälfte nahezu fehlerfrei und kam am Ende auf
315,17 Zähler.
Ein Leichtes, so schien es, für
Steffen Hain, sich die nun nahezu vakant erscheinende Silbermedaille züi holen ‑
an einen Sieg, das war auch Hain klar, war im Angesicht eines Martin Rominger
in Normalform nicht zu denken. Sehr ertist wirkte Hain, der nach der verpassten
WM‑Qualifikation im Vorjahr bereits das Rad an den sprichwörtlichen Nagel
hängen wollte. Dass er es dann doch wieder herunter holte, hatte sich zuletzt
beim DM‑Halbflnale bewährt, als er in Abwesenheit Romingers erfolgreich
war.
In Moers ging es nun darum, sein
Comeback endgültig zu untermauern. Doch auch den Erlenbacher ereilte das
Schicksal schon früh. Doch im Gegensatz zu Kolbert bekam Hain seine Kür
rechtzeitig wieder unter Kontrolle. "Nach dem, was Michael vorgelegt hat,
habe ich es einfach nicht geschafft, mich trotzdem richtig einzustellen. Erst
als ich auf dem Boden stand dachte ich; jetzt wird es ja doch noch mal richtig
eng, jetzt muss ich Gas geben"
Und genau das tat Hain fit der
Folge. 323,07 Punkte, kein überragendes Resultat, aber Platz zwei und die
Gewissheit, sich nach verhaltenem Saisonstart wieder an die Spitze
zurückgekämpft zu haben. Ohne Zweifel war Hains Entscheidung zum Rücktritt vom
Rücktritt für den Hallenradsport eine gute Entscheidung, zumal sich der 22‑Jährige
in Moers als wahrlich fairer Sportsmann erwies. Nachdem er selbst dadurch zum
Sturz gekommen war, wies der 22‑Jährige nach seiner Kür die Veranstalter
auf eine Wasserlache auf der Fahrfläche hin, und bat, man möge diese doch
aufwischen, bevor Konkurrent Rominger an den